Das Abendessen war gerade beendet, als Finwar aufgestanden ist und zu seiner Tochter lief. Er sprach nur leise mit ihr, doch Tel’Aran erkannte schnell an ihrem Ausdruck, welches Thema behandelt worden ist.
Nachdem das Mahl beendet war und jeder daraus entlassen wurde, wollte Tel’Aran sich heimlich nach draussen verziehen. „Tel’Aran!“, erklang es hinter ihm, „Die Tradition, welche ich vorhin erwähnt hatte, beginnt nun!“. Der junge Elf drehte sich um und nickte Finwar nur zu. Somone war schon neben dem Elfen und packte seinen rechten Arm. „Komm Tel’Aran. Ich schätze mal, du wolltest nach draussen gehen. Dann lass es uns gemeinsam tun, wie es die Tradition vorschreibt.“ Noch einmal nickte der Elf und ging mit Somone auf die Terrasse des Anwesens.
Es vergingen mehrere Minuten. Tel’Aran blickte nur in die Sterne und versuchte noch immer einen klaren Kopf zu bekommen. Somone begann leise ein Lied zu summen. Ehe er es sich versah erschienen schlagartig Erinnerungen in seinen Kopf. Bilder seiner Geschwister und seiner Mutter. Irgendetwas war an diesem Lied, doch er konnte nicht den Zusammenhang finden. „Was für ein Lied summst du da?“, fragte er freundlich. „Es ist eine alte Weise. Es wurde oft gesungen, wenn die Kinder nicht schlafen wollten.“, begann Somone zu erklären, „Wieso fragst du? Kennst du es vielleicht?“. Tel’Aran überlegte kurz und versuchte nochmals seine Erinnerungen zu ordnen. Bei der Melodie kam ihm immer nur ein Bild in den Kopf. Seine Mutter an der Bettkante und lächelnd. Hatte sie ihm etwa dieses Lied vorgesungen? „Tel’Aran weinst du etwa?“, unterbrach Somone den in Gedanken vertieften Elfen. Er bemerkte erst jetzt, dass anscheinend seine Erinnerungen die verborgene Trauer weckte. „Das Lied erinnert mich an meine Mutter.“, erwiderte er und wusch sich die Tränen weg. „Da fällt mir ein. Ich habe bisher deine Mutter nicht kennen gelernt. Wo lebt sie?“, fragte die Elfin. „Sie ist tot. Gestorben durch Pfeile, die mir und meinen Geschwistern angedacht waren.“, sprach er emotionslos aus. „Das tut mir leid. Ich wollte nicht…“, begann Somone als Tel’Aran mit der Hand ihren Mund abdeckte. „Schon gut. Fast niemand kennt meine Vergangenheit. Das hat seine Gründe. Ich brauche kein Mitleid oder Erbarmen.“, sprach er aus. Somone begann zu weinen. Tel’Aran war etwas verwirrt. Hat er ihr etwa wehgetan? Er nahm die Hand wieder vom Mund weg und blickte etwas verunsichert wieder in den Himmel. „Ich wollte dir nicht wehtun.“, sprach er aus. Sie wusch sich die Tränen weg und umarmte Tel’Aran. „Du hast mir nicht wehgetan. Ich weine um dich. Was hat dich so herzlos gemacht. Wieso willst du dein Leid nicht mit jemandem Teilen?“ Es kehrte einige Minuten Stille ein. Somone umarmte noch immer den jungen Elfen. Das Mädchen löste den Griff und lehnte ihren Kopf an die Schulter von Tel’Aran. „Ich weiss, dass du nur Deedlit liebst. Ich weiss von ihr, dass nur sie bisher deine Vergangenheit kennt. Vielleicht war es das Schicksal. Vielleicht wollte es, dass du anfängst deine Geschichte und dein Leid mit jemand anderem zu teilen.“, flüsterte sie ihm ins Ohr. „Dir wäre es sicher lieber, wenn du nicht über mich gestolpert wärst. Oder?“, sprach Tel’Aran aus und blickte sie an. Sie wirkte kurz geschockt. Nach einigen Sekunden lächelte Sie und machte eine verneinende Geste. „Ich kannte dich bis vor kurzem, nur aus den Erzählungen von Deedlit. Trotz allem, fühle ich ein Band zwischen uns. Der Lebensbaum hatte eine unbeschreibliche Form. Obwohl es in jedem Bereich von Lebensfreude und Willen nur strahlte, wirkte der Baum suchend. Nachdem ich dich nun die paar Tage schon etwas kennen lernen durfte, bereue ich unser treffen nicht.“, erwiderte sie. Tel’Aran seufzte leise und blickte noch mal in den Himmel. „Obwohl du mich nicht kennst und obwohl du meine wahren Gefühle kennst, bereust du diesen Vorfall nicht?“ fragte er nochmals nach. „Ich werde nie Deedlit ersetzen können. Das wissen wir beide gut genug. Doch ich hoffe, dass ich ein guter Vertreter für sie sein werde. Ich hoffe, dass ich Gefühle in dir wecken kann, die du noch verleugnest oder nicht kennst. Das Schicksal wollte es so.“, antwortete sie und griff den rechten Arm von Tel’Aran, „Zudem,“ sprach sie weiter, „Haben wir nun zwei Tage Zeit uns kennen zu lernen. Ich werde dir das Lied von Vorhin beibringen. Und vielleicht bringst du mir etwas von der Schmiedekunst bei. Ich habe das schöne Schmuckstück gesehen, dass du für Deedlit geschaffen hast. Vielleicht kann ich so was lernen?“
Die beiden waren noch eine Weile auf der Terrasse, musterten die Sterne und unterhielten sich. Finwar spionierte heimlich einen Teil des Gespräches und wirkte etwas erleichtert. „Sie nimmt es leichter hin, als ich es anfangs angenommen hätte“, dachte der alte Elf vor sich hin. Akril wartete im Arbeitszimmer des Stadthalters. Finwar trat herein und blickte zu dem weisen Elfen. „Richtmagier, was denkt ihr zu dieser ganzen Situation?“, begann Finwar. Der Richtmagier nahm Platz und zuckte mit den Schultern. „Seitdem dieser Junge die Prüfungen bestanden hat, behielt ich ein Auge auf ihn.“, erwiderte Akril und sprach weiter, „Bis zu diesem Vorfall, hat er sich nie auffällig verhalten. Aus irgendeinem Grund sucht er die Distanz und Abgeschiedenheit. Was ihr nicht wisst, werter Stadthalter, ist der Umstand, dass Tel’Aran nichts unternahm um die Ehe von Deedlit und Andris zu stoppen. Im Gegenteil, er gab sozusagen seinen Segen an Andris.“ Der Stadthalter war geschockt, „Woher wisst ihr das?“ schnellte es aus Finwar hinaus. Der Richtmagier lächelte, „Wie gesagt: Ich überwache seit langem den Elfen. Es hat mich genau so überrascht wie euch. Die Person, die er am meisten liebt, hat er freiwillig jemand anderem überlassen.“, fuhr Akril fort, „Die einzige Frage, worauf ich keine Antwort finde ist: Das wieso.“ Der Stadthalter nahm nun auch Platz und überlegte kurz. „Wieso er sie hergegeben hat?“, fragte Finwar. „Nein.“, kam als Antwort, „Wieso sucht Tel’Aran den Abstand zu allen und ist dafür bereit seinen eigenen wahren Gefühle zu trotzen.“, beendete der Richtmagier seine Gedanken.
„Tela“, sprach Somone, „Ich darf dich doch Tela nennen?“. Tel’Aran blickte etwas verwirrt. Nicht einmal Deedlit hat einen Spitznamen für ihn verwendet. „Nun, ich weiss nicht ob Tela ein konformer Kurzname für mich wäre, aber was soll’s.“ Antwortete er lächelnd. „Tela,“ begann sie von neuem, „Warum hast du bisher ein abgeschiedenes Leben geführt? Bist du nicht unglücklich über so ein einsames Leben?“ Er neigte seinen kopf etwas zur Seite und blickte sie an. „Ich habe Angst, dass die Leute um mich verletzt werden.“, seufzte er aus sich raus. Sie blickte ihn an und nahm einer seiner Hände in die eigenen. „Hast du nicht vielleicht eher Angst, dass dich jemand verletzt?“, fragte sie dezent weiter, „Oder woher kommt deine Vermutung, dass deine Freunde und Bekannte um dich herum leiden müssen?“. „Deedlit hat es dir wohl nie erzählt.“, begann er vor sich hin murmelnd zu reden. „Was sollte sie erzählt haben“, bohrte sie nach. „Auf der Reise nach Kralia geschahen diverse Ereignisse.“, begann Tel’Aran, „Dabei wurde Deedlit und ihr Bruder mehr als nur einmal in Lebensgefahr gebracht.“ „Wieso soll das nun deine Schuld gewesen sein?“, hakte sie wieder nach. „Weil sie mir folgten oder in meiner Nähe waren.“, erwiderte er zügig. „Das war damals. Viele Jahre sind vergangen.“, sprach Somone aus, „Bisher ist nichts geschehen, dass deine Thesen bestätigt. Seid vielen Jahren bist du hier und nichts ist passiert. Niemand wurde wegen dir Verletzt. Lass die Vergangenheit ruhen und such dir eine Zukunft.“, sie hielt inne und umarmte ihn, „Eine Zukunft, wo ich an deiner Seite stehen darf.“. Tel’Aran erwiderte nun die Umarmung.
Dersia war zu Hause und musterte einige Dokumente. Sie verfluchte die Bürokratie und hätte oftmals diese Dokumente in den Kamin geworfen. Bisher siegte immer die Vernunft und die Dokumente überlebten. Sie war in Gedanken versunken. Zrathul hatte zugestimmt und die nächsten Schritte musste sie nun sorgfältig planen. Tel’Aran hat bisher die meisten der Prophezeiungen erfüllt. Doch das Buch hatte viele Unklare stellen. Zu viele Seiten, die durch die Zeit unleserlich geworden sind und zu viele mögliche Wendungen. Sie war am Anfang auch skeptisch und wurde durch die anderen Ratsmitglieder überzeugt. Seitdem er jedoch die Prüfung bestanden hatte, sind ihre Zweifel endgültig beseitigt gewesen. Ihr gefiel einfach der Gedanke nicht, dass sie wenig Einfluss auf das Geschehen nehmen konnten. Sie wollte diesen Umstand nicht Wahr halten und überlegte immer wieder, wie sie etwas Kontrolle hineinbringen könnte. Sie suchte in diversen alten Schriften nach Möglichkeiten. Sie wurde plötzlich unterbrochen. An der Türe klopfte es. „Was willst du noch so spät!“, sprach sie etwas genervt aus. Der Diener kam unterwürfig rein und überreichte einen kleinen Umschlag. Der Brief stammte von Zrathul. Sie war verwundert, dass er anscheinend schon so schnell etwas Neues zu berichten wisse. Sie las den Brief und war sich dessen Inhaltes nicht sicher. Laut dem Brief, habe er bewusst das Gerücht über Tel’Aran Rhiod in die äussere Region von Hateran, um genau zu sein in Tranu, verbreitet. Er schrieb weiter, dass damit die Aufmerksamkeit des Inquisitors geweckt werden solle. Womöglich könnte der Inquisitor einen Kontrollsiegel auf den Elfen sprechen und somit etwas mehr Sicherheit in die Entwicklung bringen. „Der Narr!“, fluchte sie vor sich hin. Sie wusste ganz genau, dass der alte Galdun die Prophezeiungen sicher auch kennt und eher versucht diese im Keim zu ersticken. Er war ehemals einer vom Gremium und hatte vor den Risiken gewarnt. Wenn alles schief läuft, wird er den Elfen als Dämonenbeschwörer richten lassen. Es war schon zu spät. Sollte das Gerücht wirklich Galdun erreicht haben, wird er bereits auf den Weg nach Kralia sein und nicht einmal das Gremium darf widersprechen. Sie hätte diesen Menschen nicht einweihen sollen. Sie wusste, dass die meisten von Ihnen Ungeduldig und Kurzsichtig sind, doch hoffte sie in Zrathul eines besseren belehrt zu werden. Sie seufzte leise und legte den Brief bei Seite. Sie konnte nur noch warten, was folgen würde. Sie blickte den Stapel an Dokumenten an, zuckte mit den Achseln und beschloss sich, wenigstens etwas erfolgträchtigeres noch heute Abend zu tun und Griff nach den ersten Stapeln.
„Meister Galdun“, sprach Jeniffer, „Wollt ihr mir nun, zumindest einen Teil erläutern?“ Der alte Elf blickte aus dem Fenster und murmelte einige Worte. Der Raum wurde kurz erhellt und danach schien nur noch das Mondlicht in die Kutsche hinein. „Meine Schülerin. Alles kann ich noch nicht erzählen. Ich brauche dich als Unabhängige Beobachterin, während den beiden Riten.“, begann er, „Ich schätze die Frage, welche dir am meisten auf der Zunge brennt ist wohl: Ist dieser Tel’Aran ein Dämon oder Anbeter.“, sie nickte und er lächelte, „Nein ist er nicht. Auch wenn er kein Dämon oder dessen Anbeter ist, beherbergt er eine grosse Gefahr. Ich muss durch die Riten feststellen, ob er diese Gefahr bannen oder entfachen wird.“. Sie blickte ihn an, „Wovor habt ihr Angst? Was habt ihr mir bisher verheimlicht, dass ich nicht diese Angst habe, wie Ihr sie zu haben scheint?“. Er lachte nur laut. „Ach meine Gute“, sprach er noch lachend aus, „Ich habe zu viele Geheimnisse und du zuwenig Lebensjahre, als dass ich sie dir alle mitteilen könnte!“. Sie begann auch zu grinsen und nickte nur noch, „Okay, ich gebe mich geschlagen Meister.“ Brachte sie nur noch raus. „Na dann ist es vorläufig geklärt. Wir beide brauchen genug Schlaf. Die Reise wird drei Tage dauern und wir müssen bei Kräften sein, wenn es losgeht.“, mit diesen Worten beendete Galdun das Gespräch mit Jennifer und beide legten sich, so gut es in einer Kutsche ging, zu ruh.