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- Written by Adrian von Allmen
- Category: Buch 2
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Die drei Kinder rannten um ihr Leben. Man hörte nicht unweit das Läuten von Schiffsglocken und die ersten Möwen waren zu sehen. Die Gassen waren eng und sehr verwinkelt. Tel’Aran musste einige Umwege nehmen, da viele der kleinen Gassen mit Trümmern und Toten versperrt waren. Der Krieg hatte begonnen. Seit dieser Zeit galt die Stadt, die bis anhin als Juwel und Vorbild gegolten hatte, als Friedhof der Verfluchten.
Einst lebten hier viele Rassen friedlich miteinander. Es galt schon fast als Tradition, dass man jeden Samstag auf dem grossen Markt seine Einkäufe tätigte. Während die Kinder rumtobten, feilschten die Eltern um die Preise. Abseits des Marktes standen die Künstler und bewiesen ihre Fertigkeiten. Innert wenigen Minuten zauberten sie mit Meisterhand ein Portrait mit unglaublichem Detailgrad. Zauberer und deren Lehrlinge unterhielten die kleinen Kinder und mahnten diese immer wieder, keinen Unfug zu treiben. In den vielen Gassen standen meist kleine Händler, die seltene Waren anboten. Niemand mochte diese engen Gassen und doch waren sie ein typisches Merkmal der Stadt. All diese Schönheit, all dieser Frieden wurde innert wenigen Tagen vernichtet und die Ruinen sind die Überreste dieser schönen und vergangenen Zeit.
Die Zwillinge wirkten sehr erschöpft. Seit der Flucht hatten sie fast kein Auge zugetan. „Mist, nicht schon wieder eine Sackgasse!“ allmählich verlor selbst Tel’Aran seine Geduld. Sie liefen viele Umwege und Tel’Aran zweifelte daran, dass sie einen Weg zum Hafen finden würden. Doch wie durch ein Wunder standen sie plötzlich in einer Gasse, welche direkt zum Marktplatz führte. Vom Marktplatz war es nicht mehr weit bis zum Hafen. Die drei Elfen eilten mit ihren letzten Kräften in Richtung Platz, als Tel’Aran zu Boden fiel. Seine Geschwister waren schockiert und begannen zu schreien. Vor ihnen stand ein schwarz gekleideter Krieger. Dieser lächelte nur und zog langsam einen seiner Dolche aus dem Gürtel. Ein grässliches grünes Licht umgab die Klinge. Noch benommen vom Aufprall lag Tel’Aran am Boden. Wie von Zauberhand packte er seinen Dolch und stiess diesen in das rechte Bein des Kriegers.
Noverus rannte durch die Gassen. Er selber war nur selten in dieser einst schönen Stadt gewesen. Die Gassen waren für ihn wie ein Labyrinth. Er vernahm das laute Aufschreien eines Schattenkriegers und wusste sofort, dass er sich sputen sollte. Er versuchte in die Richtung der Schreie zu rennen, doch fast jede Abzweigung endete in einer Trümmerwand oder einem Berg von Kadavern. Lauthals fluchte er, an jeder Ecke hoffend endlich einen Durchgang zu finden. In solchen Momenten hasste er seine Rüstung, welche ihn langsam machte und ziemlich an seinen Kräften zerrte.
Der Assassine packte den Dolchgriff und zog diesen aus dem Bein raus. Ein leises Zischen drang aus seinem Mund und er blickte zornig auf Tel’Aran, der soeben aufgestanden war. Kampfbereit stand der junge Elf vor dem fast doppelt so grossen Assassinen. Xaver und Jeanne umklammerten sich gegenseitig und blieben ein paar Schritte hinter Tel’Aran. Sie waren beinahe erstarrt vor Angst. Ein Blick des Assassinen verriet sein Vorhaben. Ein kurzes und seltsam geflochtenes Seil flog Tel’Aran entgegen und bevor er sich versah war er eingeschnürt in ein Netz. Ein breites Grinsen verriet seinen grausamen Charakter, als der Assassine in Richtung der beiden Kinder schritt. Er umging den im Netz gefangenen Elfen mit seinem Dolch in der Hand. „LAUFT! BITTE! LAUFT WEG!“ schrie Tel’Aran aus Leibeskräften , doch die Geschwister waren zu verängstigt. Es ging alles zu schnell, viel zu schnell. Der Assassine verstand sein Handwerk und Tel’Aran konnte nicht fassen, was er mitansehen musste. Seine Geschwister wurden mit ein paar leisen und absolut tödlichen Hieben hingerichtet. Nun lagen zwei weitere unschuldige Tote in den Gassen der Hafenstadt. Der schwarze Krieger putze die Klinge mit einem Stofffetzen, welchen er von einem Kleidungsstück abgerissen hatte. Ein leises Lachen war zu vernehmen und der Zorn von Tel’Aran stieg an. „NEIIIIIIIIIIIIN!“, schrie der junge Elf. Von Zorn überwältigt hatte er es fertig gebracht das Netz zu zerreissen. Neben ihm lag noch der blutverschmierte Dolch, welchen er dem Monster vorhin ins Bein gestossen hatte. Wütend nahm er den Dolch an sich und rannte aus Leibeskräften auf den Assassine zu. Ein wenig überrascht und dennoch gefasst packte der Mörder den Jungen und liess ihn in der Luft hängen. Tel’Aran zappelte und versuchte loszukommen. Er fuchtelte blindlings mit dem Dolch, bis der Assassine ihm diesen abnahm. Ein lautes Lachen durchdrang die engen Gassen. „Glaubst du wirklich du kannst mich aufhalten Kleiner?“, begann der Riese nun in einem seltsamen Akzent zu sprechen. „Dein Dolch ist wahrlich ein Teufelswerk und sein Gift bereitet mir wohl noch wochenlangen Schmerz. Ich habe aber dich und das ist das einzige was zählt. Wehr dich nicht weiter. Verbrauch nicht umsonst deine Kräfte, du wirst sie noch benötigen.“ Tel’Aran blickt dem Assassine tief in die Augen und erkannte etwas Seltsames.
Noch immer rannte Noverus durch das Labyrinth der Gassen und er hatte das Gefühl, dass alles zu spät sei. Plötzlich blieb er stehen. Tel’Arans Schreie erreichten die Gasse und Noverus wusste nun, dass es vielleicht noch eine letzte Chance gibt. Er sah einen Stapel Kadaver, welcher treppengleich zu den Dächern führte. Ohne lange sein Handeln zu überdenken, stieg er die Dächer hinauf. Es war ein Wettlauf mit der Zeit.Während Noverus über die Dächer rannte, fragte er sich, weswegen ihm das nicht früher eingefallen war. Er schien dem Geschehen näher zu kommen. Er sprang über die Dächer und blickte auf die Gasse hinunter. Tief bestürzt sah er die Situation und versuchte seine letzten Nerven zu sammeln. Völlig entmutigt sah er, wie der Assassine den zappelnden Tel’Aran festhielt und daneben die beiden leblosen Körper seiner Geschwister. Ein letzter Funken Mut überkam den Krieger und er sprang auf den Meuchelmörder. Im Flug riss Noverus sein Schwert aus der Scheide und setzte zum Hieb an.
Der Assassine blickt kurz nach oben und bemerkte den Kämpfer in Rüstung. Er warf Tel’Aran an eine Mauer, welcher dadurch bewusstlos wurde. Das Schwarze Monster zog bereits den Dolch und wollte sich gegen den Angriff von oben wehren. Noverus hatte jedoch die besseren Chancen. Sein Schwert war weitaus länger als der Dolch des Meuchelmörders und der Angriff liess seinem Gegner wenig Zeit. Der Assassine wich dem Sprung aus, doch rechnete er nicht mit der Gewandtheit Noverus’. Wie eine Katze landete er auf dem Boden und noch bevor der Assassine mit dem Staunen fertig war, erhielt er von rechts einen seitlichen Hieb in seinen Oberkörper. Das Leder schütze ihn nicht vor der Klinge und er fiel zu Boden.
Noverus schnaubte und das Adrenalin pumpte in seinen Venen. Er ruhte sich kurz aus, bis ihm Tel’Aran in den Sinn kam. Er lief zu ihm hin. Dieser lag, noch bewusstlos vom harten Wandaufprall,
auf dem Boden. Noverus fiel ein Stein vom Herzen als er bemerkte, dass der junge Elf noch am Leben ist. Dann blickte er missmutig zu den beiden anderen jungen Elfen, welchen er nun ewigen Frieden wünschte. Er packte Tel’Arans Körper und rannte zum Markplatz. Von hier aus kannte er den Weg sehr gut. Von weitem sah er bereits das Schiff und die Wachen davor. Die Nacht endete und die ersten Sonnenstrahlen begrüssten den neuen Tag. Der Wächter Rüstungen blitzten wie Juwele in der Morgensonne. Noverus rannte auf sie zu, welche plötzlich die Waffen zückten. Noverus stand vor dem Hauptmann. Noch bevor dieser Nachfragen konnte, verneinte Noverus mit einer Kopfbewegung. Alle Wächter blickten nun auf den bewusstlosen Elfen und nur wenige versteckten ihre Tränen. „Hauptmann“, sprach Noverus und alle um ihn wirkten wieder angespannt und auf alles gefasst, „Wisst ihr etwas vom Schlachtfeld? Wisst ihr vielleicht auch etwas über Tel’Xathur?“ Der Hauptmann wirkte blass. „Nun“, begann dieser zu stottern, „Tel’Xathur ist vor den Augen der Heilkundigen verschwunden. Man vermutet nun, dass er entführt wurde. Wahrscheinlich diente das Gift als Zauberverstärker. Wir wissen nicht was mit ihm geschehen ist. Weiter wird erzählt, dass ein grosse Streitmacht auf dem Weg hierher ist.“ „Was wollen sie bloss von uns oder dem Jungen?“ Noverus wirkte plötzlich geistesabwesend. Er übergab den bewusstlosen Jungen einem Soldaten welcher auf’s Schiff stieg. Noverus lief ein paar Mal auf und ab „Wir legen los. Ich muss einige Dinge auf dem Schiff abklären und ich werde dann während unserer Fahrt einige Dinge aufklären. Los...“ die Soldaten nickten und stiegen über die Planke auf’s Schiff. Noverus blickte in’s Meer und betrachtete die sich spiegelnde Morgensonne. Wehmütig blickte er nun zu den Ruinen der Stadt und mit Widerwillen betrat er die Planke. Auf dem Schiff setzte sich Noverus auf ein Fass und starrte auf den Boden.
Die Seemänner zogen die Planke ein und machten alles zur Abfahrt bereit. Der Kapitän trat zum tief in Gedanken versunkenen Krieger hin. Er zog eine Pfeife hervor und setzte sich neben ihn. „Tel’Aran ist in meiner Kabine. Davor stehen zwei eurer Soldaten. Da wir ablegen, nehme ich an, dass ihr die einzigen Überlebenden seid?“ Noverus blickte kurz auf und man sah einige Tränen seine Wangen hinunter fliessen. „Ok, ok... das sagt mir leider mehr als mir lieb ist. Es ist schade, dass all eure Mühen so belohnt wurden. Es war nicht eure Schuld. Nun geniesst noch den Anblick unserer einstigen Heimat. Wir legen ab...“, der Kapitän blickte zur Stadt und schüttelte den Kopf. Auch er hatte viele Erinnerungen und diese werden wohl das letzte Vermächtnis sein.
Das Schiff legte ab und die nächste Etappe der Reise begann.